Klimalala

Am Sonntag aufzustehen ist nichts Schönes. Selbst wenn einem nicht noch die Grippe der letzten Woche in den Knochen stecken würde. Und doch hat sich diesen Sonntag mein Gemüt mit einem Schlag entwölkt und ein nettes Lächeln zog über mein Gesicht – andere würden vielleicht auch sagen: ein fieses Grinsen. Meine Stimmung hob sich schlagartig: als ich nämlich die Sonntagszeitung aufschlug.

Doris Fiala (FDP)
Doris Fiala (FDP)

Die Sonntagszeitung hatte uns wieder einmal eine nette Doris Tralala-Story beschert. Im Hause Stöhlker fabrizierte Leserbriefe lobten sie offenbar als Lichtgestalt des Freisinns. Am meisten zum Lachen brachte mich das Meisterrührstück der toughen Eigen-PR-Frau selbst. Sie habe natürlich von den Briefen, die sie selbst im Kontrast zum nationalen Präsidenten Pelli in den Himmel loben, nichts gewusst, lässt sie sich zitieren: «Es ist aber schön, wenn mal jemand etwas Positives über mich schreibt». Die Ärmste!

Wohlan denn. Schreibe ich doch auch etwas Positives über Doris Fiala. Fiala zeigt mit ihrer Person einleuchtend, dass für die FDP der Klimaschutz nicht nur leere Worte bedeutet. Mit der Überzeugung, mit der sie Dampf plaudert und aus dem Nichts gewaltige Mengen heisser Luft produziert, wäre sie als Ersatz für ein Gaskraftwerk durchaus geeignet. Der Anschluss einer modernen Dampfturbine an ihr PR-Büro würde genügen.

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Allerdings scheint mir das Geschirr zwischen dem freisinnigen Parteipräsident Pelli und der fulminanten Fiala – eine schöne Alliteration, nicht, wenn auch nicht so schön wie «Partytiger Peter Püntener» – weit weniger zerschlagen, als dies der Sonntagszeitungs-Artikel glaubhaft machen will. Immerhin spielt Pelli die Hauptrolle im bestmöglichen Ablenkungsmanöver vom Swissair-Prozess. Der Prozess, den man durchaus auch als versuchte – und wohl juristisch scheiternde – Abrechnung mit der alten Garde des Zürcher Freisinns und deren Verfilzungen mit den Verwaltungsräten der grossen Schweizer Firmen lesen kann, wäre ja dazu angetan, den Zürcher Freisinn kritisch unter die Lupe zu nehmen. Von allen Seiten. Von links könnte die FDP nochmals als damals elend wirtschaftsverfilzt an den Pranger gestellt werden. In der Hoffnung, ganz verbohrte Wirtschaftsfeinde glaubten tatsächlich, sie würde heute von der Wirtschaft noch ernst genommen. Von Seiten der SVP könnte selbstbewusst der Stolz kommen, unterdessen selbst zum teilweisen Darling der Wirtschaftselite geworden zu sein.

Wolken über dem Zürcher Freisinn also wegen des Swissair-Prozesses? Von wegen! Pellis fulvinantes Ablenkungsmanöver liess knapp noch einen Super-Mario gelten und lenkte dann via NZZ am Sonntag die Aufmerksamkeit – es ist ja Wochenende – auf die Sonnenstube der Schweiz. Hier hat die Bauwirtschaft scheinbar während Jahren ein veritables Preiskartell für Asphalt aufgebaut und laut einer WeKo-Untersuchung offenbar dem Staat für Bitumen locker gegen das Doppelte dessen verrechnet, das man irgendwo sonst in der Schweiz hätte bezahlen müssen. In den Verwaltungsräten dieser Firmen: immer wieder Vertreter des Tessiner Freisinns. Es lebe der freie Wettbewerb. Damaliger Präsident im Verwaltungsrat der Firma Costra SA (jede Assoziation zu Cosa Nostra ist zufällig), dem auch das Bauernopfer Thomas Arn angehört, der wegen der Affäre nicht mehr für den Kantonsrat wiederkandidiert: Fulvio Pelli. Und ja. Juristisch gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

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Bei einem anderen Thema der Woche allerdings kann ich die Unschuldsvermutung nicht gelten lassen. Vor allem politisch nicht. Es geht ums mit schönen klimaschützerischen Mäntelchen notdürftig getarnte Powerplay für neue Atomkraftwerke in der Schweiz. Nein, ich bashe jetzt nicht Moritz Leuenberger. Das machen seine GenossInnen gut und kräftig genug. Dran bleiben, meine Lieben! Ist nötig.

Ich bashe nun auch nicht den Kaiseraugst-Beerdigungs-Vergolder Blocher. Er hat bewiesen, dass er weder für noch gegen AKWs ist sondern ganz einfach dafür, dass die Energiebonzen – ob nun die öffentliche Meinung für oder gegen AKWs ist – genügend hohe staatliche Subventionen und gute Rahmenbedingungen kriegen. Sei’s fürs Atomforschen, sei’s fürs Bauverzichten, oder halt nun wieder fürs rasche Erstellen eines neuen Meilers.

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Das Bashing gilt vielmehr – damit ich nicht aus der Übung komme – einmal mehr unseren freisinnigen neuen Freunden, die ja nun Arm in Arm mit den Grünen eine dringliche Debatte in Bundesbern zum Klimaschutz fordern. Denn ihre Absicht dabei ist so durchsichtig wie falsch. Sie wollen die Klimadebatte zur Atompropaganda nutzen und den Teufel Klimaerwärmung mit dem Belzebub Atomkraft austreiben. Sie ignorieren konsequent, dass Öl, Gas und Uran allesamt beschränkte ausländische Ressourcen sind, die zudem immer teurer werden. Sie ignorieren konsequent, dass in der Schweiz noch nicht einmal die rein wirtschaftlich rentablen Energieeinsparungen verwirklicht sind. Sie ignorieren konsequent, dass es einen europa- und weltweiten Wettbewerb der neuen Ökoenergietechnologien gibt, bei dem die Schweiz gegenüber Deutschland bereits klar abgefallen ist. Sie ignorieren konsequent, dass «Die intelligente Schweiz» jene ist, deren Energieverbrauch nicht wie ein Naturgesetz wächst, sondern aus möglichst wenig Energie einen möglichst grossen Nutzen generiert. Sie ignorieren konsequent, dass «Die gerechte Schweiz» nicht jene ist, deren Credo «Energieverschwendung für alle» lautet. Sie ignorieren konsequent, dass «Die offene Schweiz» nicht jene ist, welche eigene Klimasünden über ausländische Zertifikate billig abfedert, sondern diejenige, welche eigene Energiespartechnologien auch zum Exportschlager macht. Sie ignorieren konsequent, dass «Die wachsende Schweiz» uns nur dann auch wirklich Wohlstand bringt, wenn nicht einfach die sinnlose Verschwendung weiter wächst.

Balthasar Glättli, Ko-Präsident Grüne Zürich