AngstMacher

SCHWEIZ ZUERICH MAHMUD MOSCHEE MINARETTErnst nehmen müsse man die Ängste der Bevölkerung. So hiess es allenthalben nach der Annahme des Minarettverbots. Triumphierend von den einen. Nachdenklich von den anderen.

Doch wie soll man, ganz konkret, Ängste ernst nehmen, die imaginär sind? Ängste, die heraufbeschwört werden und so erst das Problem kreieren, vor dem gewarnt wird? Denn allen ist klar: wir haben zwar über Minarette gesprochen. Über ein Minaretteverbot abgestimmt als symbolische Entmannung dessen, was die Propaganda als „politischen Islam“ bezeichnet hat. Aber nicht das Sichtbare, die Minarette, sind das eigentlich Gefährliche.

Angst macht vor allem das Unsichtbare. Die eigene Vorstellung des Fremden. Nur so ist es zu erklären, dass gerade in Gebieten ohne relevante muslimische Bevölkerung die höchsten JA-Anteile resultierten, und umgekehrt in den Städten, wo doch die so farbig ausgemalten „Probleme“ am allergrössten sein müssten, die wenigen Nein-Mehrheiten entstanden.

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Waren die Muselmanen historisch gesehen Prototyp für die Bedrohung Europas von aussen, und die Juden Prototyp für die Bedrohung von innen, so sind wir heute an einem Wendepunkt. Obwohl mit 9/11 gerade die radikal-islamistische Bedrohung von aussen aktuell wurde, hat 9/11 vor allem auch die Figur des Schläfers geboren. So ist denn der gefürchtetste Muslim heute nicht der Prediger auf dem Minarett, sondern der angepasste, heimliche Islamist.

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In einer lesenswerten kleinen „Geschichte des Rassismus“ führt Christian Geulen aus, dass der Rassismus keinesfalls einfach irrationales Denken und handeln ist. Vielmehr ist er als „Versuch zu verstehen, in Zeiten verunsicherter Zugehörigkeit entweder hergebrachte oder aber neue Grenzen von Zugehörigkeit theoretisch zu begründen und praktisch herzustellen.“ Erst die praktische Austragung des Rassenkampfs schafft die Gemeinschaft und damit das Wissen, wer man ist und was man verteidigt. Das gleiche gilt für die moderne Form des Rassismus, die „Kulturalisierung“. Erst der Kulturkampf schafft eine gemeinsame Identität – durch Ab- und Ausgrenzung.

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Die Aufklärung hat nie einfach stattgefunden. Sie ist immer ein Prozess, muss je neu erkämpft, erdacht werden. Wo sie diese Bescheidenheit und den Selbstzweifel verloren hat, ist sie selbst Fundament des Totalitären. Genau dies ist im Moment der Fall mit der betrübliche Entwicklung des Feminismus, der in der aktuellen Situation politisch, statt als Hefe der Emanzipation zu wirken, das Fundament neuer Diskriminierungen legt.

Balthasar Glättli

Erschienen im PS vom 3.12.2009