Folterknecht und Leberwurst

Lange wurde der Zürcher Wahlkampf vor allem bierernst zwischen SP und FDP geführt. Die aktuellste Episode dagegen steht unter dem Titel «Folterknecht und Leberwurst». Zuerst distanzierte sich der SVP Geosoph Zweifel… warum Geosoph? Ich nenne ihn so, weil Zweifel bereits vor der Wahl in die Fussstapfen des abgewählten FDP Stadtrats Wehrli zu treten versucht, der im Werk «Metaphysik: Chiralität als Grundprinzip der Physik» eine neue «Theorie of Everything» skizziert. Zusammen mit dem Bund der Steuerzahler kann ich nur wünschen, dass Zweifel sein eigenes im Tagi angekündigtes Buch über das Weltkonzept ohne Kostenbeitrag aus einer stadträtlichen Abgangsentschädigung fertigstellt.

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Zuerst distanzierte sich also der SVP Geosoph (in der NZZaS) vom Filzvorwurf der SVP gegen kluge Deutsche. Nett. Doch die Partei was not amused. So nutzte der Kandidat vor einer Woche die Wahlkampflancierung dazu, sich dem Parteiheiligen C.B. als Folterknecht anzudienen. Die Zitate sind bekannt und unbestritten. «Verräterinnen wie Eveline Widmer-Schlumpf» wären im Mittelalter durch Pferde gevierteilt worden, «und ich wäre einer der vier Reiter gewesen». So das zweifelhafte Zitat.
Gespannt sein darf man nach diesen Auslassungen zu Strafmethoden auf Zweifels Buch mit dem Titel «Weltkonzept». Laut www.stadtratswahl-zuerich.ch wird es «eine philosophische Betrachtung menschlichen Seins und Forderung nach einem einheitlichen weltweiten Rechtssystem». Dass die Einführung der Scharia für Mitglieder der BDP im Kern steht, hat Zweifel trotz anderslautender bösartiger Unterstellungen öffentlich nicht bestätigt. Entsprechende Zitate würde er wohl als «aus dem Zusammenhang gerissen» bezeichnen.

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Bierernst gings weiter, als sich Urs Egger am Sonntag – in Vertretung des erkrankten Mauro Tuena – doch noch bei der SP-Bierlancierung die Kante gab. Neckisch merkte er an, halt zur widerstandsfähigeren Sorte der Bürgerlichen zu gehören. Dieser plumpe Witz war aber nicht plump! Sondern ein bestellter Beitrag an einen gemeinsamen bürgerlichen Wahlkampf. Tuena war nämlich dieser Tage fast selbst verzweifelt: Im ging‘s wie in dieser Kolumne. Von seiner Kandidatur sprach niemand mehr. Nun endlich konnte er auftreten. Halbseitig die beleidigte Leberwurst spielen: Nie habe er mit der Gesundheit politischer Konkurrenten Witze gemacht. Was wohl stimmt. Tuena fühlt sich im Politumfeld zu wohl. Seine Beleidigungen gelten üblicherweise eher den sozial Schwachen und Menschen ohne Schweizer Pass.

Balthasar Glättli (in den Grünen Gedanken der Woche, im PS vom 14.1.2010)