“Der politische Frühstarter”

In der Wahlserie portraitierte Pascal Unternährer mich 2011 als grünen Ständeratskandidaten. Da der Text leider nicht mehr online ist, hier eine Kopie.

Der Politische Frühstarter
Der Grüne Balthasar Glättli ist gerne etwas vorlaut – und will nun in den Ständerat
von Pascal Unternährer

«Explosion in einer Atomanlage bei Avignon» – diese Schlagzeile liest Balthasar Glättli auf seinem Smartphone, schüttelt den Kopf und sagt: «Das ist nicht die Art Wahlkampfhilfe, die ich mir wünsche.» Glättli beelendet, dass die Katastrophe von Fukushima offenbar nicht reicht, um die richtigen Lehren zu ziehen. Vor allem im Ständerat. Dort, wo er hin will.

Der Technikfreak

«WUM». Welt, Umwelt, Mitwelt. So hiess Glättlis erste Vereinigung, die er als Kantischüler im Zürcher Oberland mitgründete. Die drei Pfeiler globale Solidarität, Ökologie und soziales Engagement sind noch immer zentral für ihn und die Partei, die 1990 auf ihn zukam, als sie Kandidaten für die Kantonsratswahl suchte und eine Sektion im Bezirk Hinwil gründen wollte. Glättli ging an die Gründungsversammlung und meldete sich frech aus dem Publikum, als es um die Vorstandswahl ging.

Und wurde gewählt. Auch zum eidgenössischen Parteidelegierten, der er immer noch ist. Wahlkampfleiter wurde er auch gleich. Der junge Balthasar saugte alles auf, was nach linkem Engagement roch. Schon als 10-Jähriger las er lieber Zeitungen und Blättli von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, als draussen Fussball zu spielen. Und Stapel von Büchern. So war der Weg des Lehrersohns geebnet zum Philosophie-Studium. Dessen (vorläufiger) Abbruch hatte mit dem anderen Balthasar zu tun. Mit dem Technikbegeisterten, der auch als Grüner zeitweise jeden zweiten Sonntag Formel-1-Rennen schaute.

Computer und Internet lautete die Passion. Glättli wagte sich 1996 aufs unternehmerische Glatteis und baute mit einem Kollegen die Internetberatungsfirma Netiquette auf. Es lief gut. Für einen per Handschlag zugesicherten Grossauftrag stellten sie Leute ein. Acht waren sie, als der Auftrag plötzlich zurückgezogen wurde. Sie hätten kämpfen können, sagt er rückblickend. Doch dafür reichten die Reserven nicht.

«Was es heisst, KMUler zu sein, weiss man erst, wenn man Leute entlassen muss», sagt Glättli heute. Er hörte nach drei Jahren auf. Als Angestellter einer Softwarefirma konnte er die privaten Schulden einfacher abstottern. 2003 übernahm er die Geschäftsführung von Solidarité sans Frontières, was wieder mehr nach Politik tönte. Seit letztem Jahr ist er bei der Gewerkschaft VPOD angestellt.

Glättli ist trotz seiner nur 39 Jahre ein Urgestein im Gemeinderat. 1998 wurde er als frisch Gewählter und jüngster Parlamentarier gleich Fraktionspräsident. Der gleichaltrige SVP-Fraktionschef Mauro Tuena kennt und bekämpft ihn seit 19 Jahren – anfangs als Junge-SVP-Präsident, jetzt unter anderem in der Spezialkommission Polizei/Verkehr, in der Glättli Präsident ist und Tuena sein Vize. Trotzdem können sie auch nach der hitzigsten Debatte noch zusammen ein Bier trinken gehen. Seinem Widersacher attestiert Tuena gute Dossierkenntnisse und Ehrlichkeit, doch sei er ein «verkehrspolitischer Träumer» und «Grünen-Fundi». Das erste Wort, das Jean-Claude Virchaux einfällt, ist hingegen «Grüner Realo». Der CVP-Gemeinderat war zwei Jahre lang RPK-Vizepräsident, als Glättli Präsident war. «Er ist sehr angenehm im Umgang und auch in einem polarisierten Parlament fähig, mehrheitsfähige Lösungen zu finden», sagt Virchaux über Glättli.

Partei erfolgreich geführt

Dass Glättli kein Hitzkopf ist, hat er während seiner vierjährigen Co-Präsidentschaft der kantonalen Grünen bewiesen. Zwar war er 2004 massgeblich beteiligt an der Abwahl des damaligen Co-Präsidenten Martin Bäumle. Doch führte er die durch die grünliberale Abspaltung verunsicherte Partei zusammen mit Marlies Bänziger erfolgreich in die nächsten Wahlen. Und heute ist GLP-Fraktionspräsident Gian von Planta in seinem Wahlkomitee.

Balthasar Glättli muss nicht immer die Hauptrolle spielen. Das zeigt er beispielsweise in der Musik: In einem klassischen Streichertrio spielt er die zweite Geige.

KASTEN Ständeratskandidaten Teil III: Balthasar Glättli (Grüne)

  • Geboren am: 12. Februar 1972 in Wolfhausen (Bubikon).
  • Ausbildung/Beruf: Studium der Philosophie/Germanistik (nach Unterbruch nun am Beenden).
  • Beruf: Leiter Kampagnen und Werbung VPOD Schweiz.
  • Politisches Amt: Seit 1998 Gemeinderat der Grünen in der Stadt Zürich.
  • Zivilstand/Familie: ledig, lebe mit SP-Politikerin Min Li Marti zusammen.
  • Nachttischlektüre: «Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance» von Marcel Hänggi.
  • Lieblingsfilm: Immer neue, der letzte: «Der Freund» von Micha Lewinsky. Meine spektakulärsten Ferien waren in: Thailand.
  • Lieblingswort: relativ.
  • Der am wenigsten gerne gehörte Satz: «Das geht nicht.» Highlight des Jahres 2011: Die vielen positiven Reaktionen in meinem Ständeratswahlkampf.
  • Ärger des Jahres 2011: Dass ein halbes Jahr nach Fukushima der Atomausstieg wieder auf der Kippe steht. (pu)
    «Man sollte alle Stromkonzerne verstaatlichen»

Nachgefragt

Der Ständeratskandidat Balthasar Glättli (Grüne) sagt, wie er die Wirtschaft umbauen will.

Sie fordern einen Umbau der Wirtschaft. Wie meinen Sie das konkret?

Balthasar Glättli: In den Cleantech-Zweig muss ab sofort massiv investiert werden. Es braucht eine ökologische Steuerreform und griffige Lenkungsabgaben. Oft bringen aber Vorschriften mehr als Anreizsysteme. Ein Beispiel: Die USA haben für Industriemotoren strengere Effizienzvorschriften als die Schweiz. Resultat: Die Industrie spart enorm Strom. Und Kosten! In die gleiche Richtung muss es bei den Haushaltsgeräten gehen.

Sind Sie bis in die Zehenspitzen überzeugt, dass die Schweiz die Atomenergie – wie die Grünen fordern – bis 2029 mit erneuerbaren Energien ersetzen kann?

Ja, wenn man nur will. Man könnte es mit internationaler Zusammenarbeit schaffen. Die Schweiz mit ihren Pumpspeicheranlagen eignet sich eher als «Batterie», Länder mit Küsten für Windkraftanlagen oder mehr Sonne sind prädestiniert für die Produktion. Aber ich favorisiere den autonomen Ausstieg. Schon alleine massive Effizienzsteigerungen würden es erlauben, alle AKWs abzuschalten. Die Effizienzgewinne dürfen aber nicht in einen Mehrkonsum von Energie fliessen. Dazu braucht es ein «Decoupling». Die Elektrizitätswerke sollten – wie in Kalifornien seit den 1970er Jahren – nicht mehr verdienen, wenn sie mehr Strom verkaufen, sondern belohnt werden, wenn sie weniger verkaufen als vorgegeben, und gebüsst, wenn sie mehr absetzen. Am besten würde man die Stromkonzerne wieder verstaatlichen.

Wie sollten die Mehrkosten im Bahnverkehr gedeckt werden?

Geld für den öffentlichen Verkehr könnte man durch die Streichung der unsinnigen Steuerabzüge für die Mobilität eintreiben. Ich kann mir aber auch ein Anheben der Billettpreise vorstellen. Bedingung wären gleichzeitig höhere Treibstoffabgaben für den motorisierten Individualverkehr.

Sind Sie aussenpolitisch für einen Alleingang der Schweiz, den bilateralen Weg oder den EU-Beitritt?

Für die Bilateralen. Die EU hat ein grosses Demokratiedefizit. Und es fehlt eine europäische Öffentlichkeit, etwa durch länderübergreifende Medien. Ich war schon damals gegen den EWR-Beitritt. Allgemein gilt weiterhin: global denken, lokal handeln.

Was halten Sie von der Ecopop- Initiative, welche die Netto-Zuwanderung pro Jahr auf 0,2 Prozent der Bevölkerung beschränken will?

Ich lehne sie ab. Ich unterstelle den Initianten nichts Böses, aber ihr Vorstoss wird vor allem zu einer Überfremdungsdiskussion führen. Besser sind konkrete flankierende Massnahmen wie unsere Kulturlandinitiative, die das Raumplanungsproblem von der anderen Seite her lösen will.