Occupy Main Street!

Der Lindenhof wurde geräumt. Mich hätte eine längere Präsenz von ein paar debattierenden Menschen nicht gestört. Und abgesehen von Liebi und Bourgeois & Co. hätte das auch sonst nicht viele gekümmert. Und hier liegt wohl das Problem: Das Camp drehte sich zu sehr um sich selbst.

Die sogenannten Anliegen der 99% wurden bei weitem nicht von einem einzigen Prozent der Leute aktiv unterstützt. Ja, sie kümmerten sich nicht mal darum. Trotz Finanz- und Eurokrise, trotz Angst vor Arbeitsplatzverlusten auch in der Schweiz. Zur gleichen Zeit fing die SVP in unserem Kanton eine Schlappe ein, weil «nur» noch 120‘000 Personen ihre Liste wählten… immerhin 120’000.

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Linke und sonstige Sympathisierende betrachteten die Occupy Leute oft eher aus bewundernder Distanz, was mich an die Haltung Roussauscher Romantiker gegenüber den edlen Wilden erinnerte. Den BesetzerInnen schien umgekehrt ihr Konsens wichtiger als konkrete, umsetzbare Forderungen. Der erträumte breite Protest war wohl am wirklichsten, als an der allerersten Occupy Paradeplatz einfach versucht wurde, bunt und kreativ primär ein mediales Echo zu bewirken, sichtbare Fragen zu stellen. Der danach angestrebte Gang in den Alltag dagegen blieb bisher eher ein auf sich selbst bezogener Versuch, mitten in der Stadt auszusteigen. Man kann aus der Welt aber nicht nur aussteigen, es kommt darauf an, sie zu verändern

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Dies ist kein Plädoyer gegen Occupy. Und dass die Kirche den Bewegten den nötigen öffentlichen Raum gibt, freut. Dennoch bleibt die ernüchterte Feststellung eines über zwei Jahrzehnte Empörten und Engagierten. Was ich mir gewünscht hätte bleibt Wunsch: überzeugende, breit getragene, konkrete linke Forderungen – und die Bereitschaft, sie auch wirksam in die Politik einzubringen. Medienecho und Wirkung der Occupy Bewegung stehen in keinem Verhältnis. Die kleine Bewegung müsste nun über sich selbst herauswachsen. Sich nicht nur empören, sondern sich in den Parteien engagieren, wie es Stéphane Hessel formuliert!
Denn böse gesagt: Um den Weltfrieden zu wünschen und eine Wirtschaft, die Menschen und Umwelt nützt und nicht schadet… um diese «Konsenswünsche» der Bewegten zu formulieren, dafür brauche ich keine Occupy VV.

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Dies sind meine letzten grünen Gedanken zur Woche als Vertreter der Kantonalen Grünen. Nach 59 Texten sage ich einfach danke! Den LeserInnen, welche mir mit Kritik und Kommentaren geantwortet haben. Und dem P.S. für die Offenheit – und die Nachsicht bei den oft verpassten Redaktionsschlüssen.

Dieser Text erscheint als Grüne Gedanken zur Woche im PS vom 17.11.2011