«US-Wahlkampfshow: faszinierend.»

Balthasar Glättli mag amerikanische Politik und die Kandidatur von Hillary Clinton. Gerhard Pfister sieht das etwas skeptischer – und sein Herz schlägt für Jeb Bush.

Gerhard Pfister: Geschätzter Kollege, in diesen Tagen hat Hillary Clinton an einem College im US-Gliedstaat Iowa mit dem Vorwahlkampf begonnen. Sie wiederholte dort wörtlich ein Statement aus dem Wahlvideo, um ihre Ziele zu beschreiben: Sie will die Wirtschaft sowie den familiären Zusammenhalt in den Gemeinden stärken, das «gestörte politische System» reparieren und die Amerikaner vor bestehenden sowie zukünftigen Bedrohungen schützen. Welche Chancen geben Sie ihr? Und worauf hat sich die Welt einzustellen nach Obama?

Balthasar Glättli: Ich schätze Hillary Clintons Chancen als gut ein. Auch wenn ich davon ausgehe, dass bei den Republikanern kein Tea-Party-Liebling wie Ted Cruz oder der rechts-libertäre Rand Paul als Sieger aus den Primaries hervorgeht, sondern eher ein Kandidat der republikanischen Elite, der siegen statt recht haben will – wie Jeb Bush. Gerade er könnte auch das grösste Handicap von Hillary etwas lindern – dass nämlich allein ihre Wahl als dynastische Nachfolge verstanden wird. Hillary wird sich für einen Sieg allerdings neu erfinden und den neuen demografischen Realitäten anpassen müssen. Dieses Zeichen hat sie ja in ihrem Lancierungsvideo ausgesendet: eine offene Einladung an die Wählerschaft von Obama, gepaart mit der bekannten ökonomischen Brot-und-Butter-Rhetorik der Clintons.

Gerhard Pfister: Die Wahlchancen sind so lange gut, als die Republikaner sich nicht auf eine Alternative auf Augenhöhe einigen können. Dafür ist es jetzt noch zu früh. Parteiintern scheint sie konkurrenzlos. Allerdings führte sie vor acht Jahren auch mit 20 Prozent vor einem jungen Senator aus dem Gliedstaat Illinois, dem sie am Ende unterlag. Sie ist ein Paradox: eine der bekanntesten Politikerinnen mit gänzlich unbekannten Prinzipien. Aussenpolitisch bezeichnet sie sich weder als «Realistin» noch als «Idealistin», sondern als «idealistische Realistin». Wirtschaftlich verteidigt sie die Marktwirtschaft, gleichzeitig sagt sie zur linksliberalen Kundschaft, es seien nie die Unternehmen, die Arbeitsplätze schafften. Das ist postmoderne Beliebigkeit, aber kein politisches Programm.

Balthasar Glättli: Wahlkampagnen sind ein Ernstfall, ein entscheidender Moment kann vieles ändern. Auch bei Clinton. Deshalb sind Kampagnen spannend. Erinnern wir uns an den berühmten Moment von Rick Perry 2011, als er nur zwei der drei Departemente aufzählen konnte, die er abschaffen würde… Ooops! Oder umgekehrt an die eindrückliche Rede Obamas 2008 im Zusammenhang mit den Predigten seines Pastors Jeremiah Wright – sie machte aus einer Krise im Wahlkampf eine Chance. Eher fremd für Hillary Clinton, so denke ich, sind die identitätspolitischen Positionen, wie sie die postmoderne Phase linker Politik in den neunziger Jahren oft prägten. Faktisch ist sie eine solide rechte und wirtschaftsfreundliche Sozialdemokratin mit einem – so glaube ich – echten Engagement für Frauenfragen. Und ihre Unterstützer an der Wall Street wissen durchaus, dass sie in den Primaries halt etwas red meat liefern muss.

Gerhard Pfister: Ist Ihre Sympathie für Hillary Clinton nur der Angst vor den Republikanern geschuldet? Oder ist sie echt? Und wenn Letzteres zutrifft: Reihen Sie sich bei den Unterstützern an der Wall Street ein? Oder unterstützen Sie sie einfach nur faute de mieux?

Balthasar Glättli: Mein Schicksal ist eigentlich: Ich liebe oft Verlierer. Ich fand 2011 bei den Republikanern John Huntsman viel spannender als Mitt Romney. Ich war 2008 ein Fan Obamas, bis er wirklich vorbeizog…, und ganz am Schluss fieberte ich dann doch mit Hillary. Warum? Weil sie mutig die umfassendere Gesundheitsreform vorschlug als er. Das ist auch jetzt der Hauptgrund für die Sympathie. Und wer ist Ihr persönlicher Frontrunner bei den Republikanern – und warum?

Gerhard Pfister: Jeb Bush, auch wenn Sie jetzt innerlich zusammenzucken. Ich betrachte George Bush senior als einen der meistunterschätzten US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts. Ohne ihn wäre die Wiedervereinigung Deutschlands nicht gewaltlos verlaufen. Ich hoffe, Jeb kommt eher nach seinem Vater, als es sein Bruder George W. tat. Wobei Obama für mich die grössere Enttäuschung ist. Letztlich muss ich aber gestehen, dass mir die Art und Weise, wie die USA ihre Präsidenten küren, eher fremd ist. Zu viel Show, zu viel Geld, zu wenig Argumente. Und trotzdem ist es für Europa natürlich eminent wichtig, wer dieses Amt innehat, wollen wir uns nicht ganz den russischen und/oder chinesischen Hegemonen unterwerfen. Ich traue Hillary Clinton in dieser Hinsicht weniger zu als Jeb Bush.

Balthasar Glättli: Muss ich zusammenzucken? Von den offiziellen republikanischen Kandidaten wäre Jeb Bush sicher der akzeptabelste. Nicht zuletzt, weil er bei der Immigrationsfrage doch ein wenig den typisch amerikanischen Werten zuneigt, wonach Migranten eine Chance haben sollten, sich zu bewähren und ihr Glück zu suchen. Ich gestehe es, die Show der US-Wahlkämpfe hat für mich auch etwas Faszinierendes: Hätten wir doch auch sechs, sieben gute Redner in der Schweiz! Die Milliardenbudgets dagegen sind über die Länge der Tod der Demokratie als Wettkampf der Argumente. Und – last, but not least – zur Geopolitik: Die Zeit einer unilateralen amerikanischen Hegemonie ist sowieso abgelaufen. Das wird weder ein US-Präsident noch eine US-Präsidentin ändern können. Zu hoffen bleibt allerdings, dass die multipolare Welt Wege findet, ihre Konflikte auf nichtmilitärische Weise zu lösen.

Quelle: NZZ am Sonntag, 19.4.2015