«Man verliert zuerst die Deutungshoheit, dann die Contenance»

Gerhard Pfister staunt, wie den selbstzufriedenen SRG-Granden die Debatte zum RTVG entglitten ist. Balthasar Glättli widerspricht nicht – wirbt aber für ein Ja.

Gerhard Pfister: Geschätzter Kollege, der Grossdenker und Feingeist Roger de Weck ist mit seiner SRG in der Bredouille. Was nach einem lockeren Abstimmungssieg für das neue RTVG aussah, droht nun für ihn zur Arbeit zu werden. Können Sie ihm helfen?

Balthasar Glättli: Ich brauche nicht de Weck helfen zu wollen. Die Debatte, mit der er konfrontiert wird, wäre so oder so gekommen – und ich bin gespannt auf spannende Diskussionen zu den Fragen: Was soll der Service public? Und welche Rolle spielt dabei die SRG? Am 14. Juni allerdings stimmen wir bloss über eine zeitgemässere und unbürokratischere Finanzierung ab. Soll halt Nein stimmen, wer die heutigen bürokratischen Kontrollen der Billag für ein weiteres Jahrzehnt lang haben will.

Gerhard Pfister: Wenn jetzt auch noch die Hilfe von links bröckelt, wird es für die Vorlage wirklich eng. Die CVP allein mit ihrer Nibelungentreue zur eigenen Bundesrätin wird es nicht richten können. Und man wird es ihr auch nicht danken seitens SRG. Die Debatte nimmt einen Verlauf, auf den die Exponenten der SRG unvorbereitet wirken. Dabei hätte man sich denken können, dass man nicht über 1,2 Milliarden Franken reden kann, ohne gleichzeitig darüber zu diskutieren, wofür die Steuerzahlenden das aufzubringen haben. Ob de Wecks Talk auf SRF mit einem sedierten Schawinski in Demutsstarre da wirklich nützte?

Balthasar Glättli: Ich werde nach dem Studium der Vorlage unaufgeregt Ja stimmen, so wie ich das schon im Parlament tat – und ohne dass ich dafür Dank von der SRG erwarte oder von den privaten Stationen. Das wäre ja noch schöner! SRG-Kritiker, Möchtegern-Abschaffer des Service public, Werbeverkäuferinnen für ausländische Werbefenster und neuerdings auch Anita Fetz von der SP möchten alle nicht über das reden, worum es geht: ob nämlich die Gebühren neu unbürokratischer eingezogen und für alle von uns günstiger werden sollen. Sie machen auf SRG- und Billag-Kritik. Dabei hätten bei einem Nein gerade die Privatsender weniger Geld – und die umstrittenen Billag-Kontrollen in den Haushalten blieben auch bestehen.

Gerhard Pfister: Weichen Sie jetzt nicht etwas aus, wie die SRG-Exponenten? Wäre es nicht sinnvoller, zuerst über Sinn und Zweck des Service public zu debattieren, bevor man den grossen Systemwechsel in der Finanzierung macht?

Balthasar Glättli: Ausweichen tun aus meiner Sicht die Gegner. Gegen die neue Finanzierung spricht eigentlich nichts: Die ist fairer, günstiger für die allermeisten Privaten und notabene auch die KMU. Und sie ist unbürokratischer. Wenn es um die Sache geht, über die tatsächlich abgestimmt wird, gibt es wenig gute Gründe für ein Nein. Darum versuchen Sie nun wie alle Gegner, lieber zuerst komplizierte weitergehende Fragestellungen aufzuwerfen, statt die einfache vom Parlament befürwortete Kompromisslösung umzusetzen.

Gerhard Pfister: Sie stellen Ihr Licht unter den Scheffel! Das ist doch für Sie nicht kompliziert! Eine Service-public-Debatte ist nur dann kompliziert, wenn man sich um die Entscheidungen drückt. Von einem SRG-Chef, der von den Steuerzahlenden einen höheren Lohn als ein Bundesrat erhält, muss man mehr erwarten als herablassende Diskussionsverweigerung. Der Mann ist sein Geld nicht wert, zum Nachteil der Journalisten der SRG, die genauso gute Arbeit leisten wie bei den privaten Verlagen. Die Debatte ist den selbstzufriedenen SRG-Granden entglitten und dreht in eine Richtung, wo sie argumentativ in den Seilen hängen wie ein angeschlagener Boxer. Man verliert zuerst die Deutungshoheit, dann die Contenance.

Balthasar Glättli: Wenn ich es einfach so herunterfabulieren könnte, welche Rolle in den nächsten Jahrzehnten nicht nur die SRG, sondern auch die privaten Radio- und Fernsehstationen spielen sollen in einem Medienumfeld, das sich tiefgreifend wandelt. Wenn ich spontan mit zwei verfassungstauglichen Sätzen zu definieren wüsste, was Service public in einer immer internationaleren und intermedialen Welt bedeutet. Wenn ich prognostizieren könnte, woher Werbeeinnahmen in zehn Jahren kommen, wenn sich Internet und TV definitiv vermischt haben und der Werbemarkt viel umfassender als schon heute in den Händen der globalisierten Internetgiganten aus den USA ist – glauben Sie mir, wenn ich all das könnte, ich würde mir eine goldene Nase als Berater und Welterklärer verdienen! Wenn Sie es können – wohlan, ich höre! Ohne Selbstüberschätzung kann ich allerdings sagen, dass ich mir eins zutraue: ein kompetentes Ja zu den zugegebenermassen nicht weltbewegenden Neuerungen des RTVG, über das wir am 14. Juni abstimmen. Dazu muss man weder ein De-Weck-Jünger noch ein Leuthard-Fan sein. Dass wir nicht mehr die Billag-Kontrolleure in alle Haushalte schicken, um zu schauen, wo es allenfalls ein internettaugliches Handy oder einen Laptop hat, scheint mir doch logisch zu sein.

Gerhard Pfister: Somit hätten wir gezeigt, dass man sehr wohl über Service public debattieren kann, auch wenn man der Vorlage zustimmt. Vielleicht lernt es die SRG-Spitze auch.

Balthasar Glättli: Tatsächlich. Und wir haben gleichzeitig auch gezeigt, dass bei einer solchen Debatte eigentlich keine inhaltlichen Argumente für ein Nein am 14. Juni zur RTVG-Revision auf den Tisch kommen.

Quelle: NZZ am Sonntag, 17.5.2015