«Für Schmidt war das anders»

Was tun gegen Terrorismus? Gerhard Pfister will den Kulturrelativismus in Europa bekämpfen, Balthasar Glättli das Übel an der geopolitischen Wurzel packen.

Balthasar Glättli: Geschätzter Kollege! Die Anschläge in Paris haben in den letzten Tagen die Berichterstattung der Medien dominiert. Allerdings sehr gehetzt. Im Stil des News-Tickers. Wenn wir beide nun aus einer gewissen Distanz darüber debattieren, dann würde mich interessieren: Was hat sich für Sie geändert? Befindet Europa sich nun im Krieg? Waren wir es nicht schon vorher? Ist die Kriegsrhetorik nicht gefährlich – weil sie von den ungelösten Integrationsproblemen in Frankreich und Belgien ablenkt, die den Nährboden für die Radikalisierung bildeten?

Gerhard Pfister: Sie ziehen gerade etwas gar viele Themen an. Aber ja, ich bin tatsächlich der Auffassung, dass der Westen sich zurzeit in einem kriegsähnlichen Zustand befindet.
Wenn Terroristen wahllos Menschen erschiessen, nur deshalb, weil sie einer westlich orientierten Lebensweise nachkommen, kann ich das nicht anders sehen als eine Kriegserklärung an Werte, die sich in Europa seit der Aufklärung durchgesetzt haben. Mir fehlt die klare Distanzierung des Westens gegenüber solcher Barbarei.

Balthasar Glättli: Mir fehlt diese Distanzierung weniger. Mich stört vielmehr, dass der Westen eigene Werte im angeblichen Kampf um ebendiese Werte aufgibt. Und es stört mich ebenfalls, wenn nun viele den Kulturkampf und vorab einen Kampf der Religionen zelebrieren. In Missachtung der Tatsache, dass 30 000 Opfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) Muslime im Nahen und Mittleren Osten sind. Die Anschläge des IS sind keine Kriegserklärung gegen westliche Werte, sondern unmenschliche barbarische Attentate – in Paris ebenso wie in Beirut, in Syrien oder im Irak.

Gerhard Pfister:Hat der Westen denn tatsächlich eigene Werte, für die er zu kämpfen bereit ist? Sind wir nicht durch Kulturrelativismus und Saturiertheit angreifbar geworden? Wenn man vergleicht, wie unterschiedlich die bundesdeutschen Kanzler Helmut Schmidt und Angela Merkel dem Terrorismus begegneten! Bei Schmidt Entschlossenheit, den Terror zu bekämpfen, persönliche Übernahme von Verantwortung und Risiko, gleichzeitig aber auch der Versuch, den Gegner zu erfassen, zu verstehen, um ihn zu bekämpfen. Bei Merkel prinzipienloses Mikromanagement und Anbiederung an die Medien mit deren Forderung nach schönen Bildern. Das ist nur noch traurig. Sie haben aber recht: Die arabische Welt sieht natürlich auch, dass alle Grossmächte eine Politik der unterschiedlichen Standards verfolgen. Genau darin besteht auch unsere Schwäche.

Balthasar Glättli: Helmut Schmidt stand vor ganz anderen Entscheidungen. Und vor allem war der Terrorismus des deutschen Herbsts anders ausgerichtet: Da wurden mit Siegfried Buback und Jürgen Ponto angebliche Schlüsselfiguren ermordet – und die Entführung von Hanns Martin Schleyer und des Flugzeugs «Landshut» sollte die Gefangenen der ersten RAF-Generation aus Stuttgart-Stammheim freipressen. Ganz anderes gelagert ist der IS-Terror, der vorab Schrecken sähen, neue Mitglieder unter den Ausgegrenzten in den Banlieues rekrutieren und die Anerkennung als Kriegsgegner erhalten will, die Frankreichs Präsident Francois Hollande ihm mit seiner Rhetorik auch gewährte. Einig gehe ich mit Ihnen aber bei zweierlei: Man muss verstehen wollen, um die richtige Gegenreaktion auf den Terrorismus zu finden. Und man muss die doppelten Standards der Grossmächte offenlegen, für die ein Land mit Scharia wie Saudiarabien als Partner, als Lieferant von Öl und als Kunde für Waffen hochwillkommen ist – während man den IS umgekehrt auf eine wild gewordene Islamismus-Bande reduziert, ohne seine Herkunft und die Faktoren für seine Entstehung – etwa die US-Intervention im Irak – vom Westen her selbstkritisch zu analysieren.

Gerhard Pfister: Dennoch ist die Haltung Merkels opportunistisch, weil sie sich dem medialen Mainstream andient, während Schmidt seine Sache vertrat, ohne Rücksicht auf Beliebtheit. Die Sicherheitslage in Europa hat sich seit August massiv verschlechtert. Die EU ist nicht in der Lage, die Sicherheit – und Freiheit – der Menschen in Europa zu gewährleisten. Frankreich und Belgien haben im eigenen Land Zonen der Rechtsfreiheit, der Gewalt, der antiwestlichen Ideologien zugelassen. Der Staat traut sich dort nicht mehr, seine Werte durchzusetzen. Die meisten Regierungen Europas sind schwach aus Angst und Prinzipienlosigkeit. Die Folgen tragen die Menschen, die schutzlos terroristischen Risiken überlassen werden. Appeasement gegenüber Terrorismus ist fatal.

Balthasar Glättli: Appeasement wäre so falsch wie die Kriegsrhetorik. Noch problematischer aber ist es, wenn wir nicht daraufhinweisen, dass diese Problemzonen in Frankreich, in Belgien vorab die Folgen verfehlter oder fehlender Integration in diesen Ländern sind – und die Attentäter Franzosen oder Belgier. Ebenso wichtig wäre es auch, daraufhinzuweisen, dass der Westen – konkret: die von den USA geführte Koalition – mit seinem Angriff auf den Irak Saddams erst die Grundlage zur Destabilisierung legte, welche den IS ermöglichte.

Gerhard Pfister: Die Schuldzuweisung an die USA entledigt uns nicht der Aufgabe, Islamisten, die sich um Werte der Zivilgesellschaft foutieren, entschieden zu bekämpfen. Gerade diesbezüglich haben die Schweizer Linken aber enorme Hemmungen. Man kann beispielsweise nicht Frauenrechte einfordern und gleichzeitig die tägliche eklatante Frauenverachtung von islamischen Fundamentalisten auch in der Schweiz als simple kulturelle Varianz tolerieren. Solche Toleranz ist nicht echt, sondern nur Angst und Bequemlichkeit. Das wird sich rächen.

Quelle: NZZ am Sonntag, 29.11.2015