«Antipathie für Gentech-Saatgut»

Die Übernahme von Syngenta löst die Fronten auf: Gerhard Pfister begrüsst Chinas Vorstoss, Balthasar Glättli hingegen fürchtet die Multis – auch kommunistische.

Gerhard Pfister: Geschätzter Kollege, die Staatsfirma eines kommunistischen Lands übernimmt den Saatguthersteller Syngenta. Der «Blick» beschwört die Angst, dass sich Helvetia dem chinesischen Drachen verkaufe. Liberale Wirtschaftskommentatoren in der Schweiz begrüssen den Deal mit dem Klassenfeind, weil er besser sei als ein Deal mit Monsanto aus den kapitalistischen USA. Weder Mao noch Nixon ahnten wohl 1972, dass ihre Annäherung dereinst zu solchen Ereignissen führen könnte. Ist das die neue Weltordnung? Und wie fühlt es sich für einen grünen Linken wie Sie an, zumal Syngenta in Ihren Kreisen ja ähnlich beliebt sein dürfte wie die Grossbanken, der Sozialismus aber doch dem Kapitalismus vorgezogen wird?

Balthasar Glättli: Meine Antipathie für Gentech-Saatgut hängt nicht vom Eigentümer ab. Und weder der frühere real existierende Sozialismus der UdSSR noch die grösste staatskapitalistische Veranstaltung – China – lassen mein politisches Herz höher schlagen. Die neue Weltordnung analysiere ich eher so wie der britische Soziologe Colin Crouch. Der alte Gegensatz zwischen Wirtschaft und Staat ist heute nicht mehr die zentrale Unterscheidung. Mindestens so gross ist der Interessengegensatz zwischen den Multis einerseits und Nationalstaaten sowie der lokalen Wirtschaft andererseits. Dass indes das – dem Namen nach – kommunistische China seine Handelsbilanzüberschüsse dazu verwendet, erzkapitalistisch wie ein Mega-Multi seinen globalen Einfluss zu mehren, entbehrt tatsächlich nicht einer gewissen Ironie.

Gerhard Pfister: Sie unterschätzen die Herausforderungen für China, Ernährungssicherheit für die Bevölkerung zu sichern, bei einer sehr rückständigen Landwirtschaft. Hier wird das Know-how von Syngenta sehr viel Nutzen bringen. Mir ist es lieber, China investiert in solche Unternehmen als in Rüstung. Die Unterscheidung von Crouch in die «bösen internationalen Grossen» und die «guten nationalen Kleinen» scheint mir gefährlich. Gerade die KMU in der Schweiz profitieren enorm von den hiesigen internationalen Unternehmen. «Erzkapitalistisch» wäre eher die Übernahme durch Monsanto gewesen, die Amerikaner hätten gerne einen Konkurrenten eliminiert und deshalb sicher Arbeitsplätze in der Schweiz abgebaut. Chinas Regierung scheint hingegen langfristige und nachhaltige Ziele zu verfolgen mit solchen Käufen.

Balthasar Glättli: Wie spannend: Plan schlägt Börse. Langfristigkeit der Ziele schlägt die kurzfristige Fixierung auf Quartalsgewinne und Aktienkurse. Diese Reaktionen, auch Ihre, zeigen, dass der Glaube an die unsichtbare Hand des Marktes, die alles richtet, auch bei Bürgerlichen ins Wanken gerät. Das macht Hoffnung . . . In dieser Logik müssten Sie ja auch unsere Initiative für eine grüne Wirtschaft unterstützen, die weit weniger Plan will, als China das seinen Konzernen verordnet, aber immerhin Rahmenbedingungen – wenn möglich in Selbstregulierung – schafft, welche unsere Wirtschaft nachhaltiger machen. Sind Sie dabei?

Gerhard Pfister: Auch wenn man dem Markt mehr vertraut als dem Staat, heisst das nicht, dass man ihm blind vertraut. Gerade deshalb ist die soziale Marktwirtschaft besser als der Manchester-Liberalismus. Ihre Hoffnung auf mich hat eine falsche Prämisse: China hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht in Sachen Liberalisierung und Marktwirtschaft. Vergleichen Sie das mit Maos Zeiten! Der Benchmark für Ihre Initiative ist die erfolgreiche liberale Ordnung in der Schweiz, die uns enormen Wohlstand brachte, nicht Chinas aktuelle Politik. Mich stört eher die Heuchelei gewisser Medien: Wenn Schweizer Unternehmen im Ausland einkaufen, wird das als Erfolg der Schweizer Wirtschaft bejubelt. Wenn Ausländer Schweizer Unternehmen kaufen, macht man auf empörten Nationalismus. Das geht nicht auf.

Balthasar Glättli: Das ist nicht Heuchelei, sondern Konsequenz: Beide Male wird die Wirtschaft aus einer nationalistischen Perspektive angeschaut. Und beide Male blenden diese Kommentare aus, dass die Globalisierung anders funktioniert: das Management der Multis, auch der sogenannt schweizerischen Multis, fühlt sich so oder so viel weniger den Interessen der lokalen Stakeholder, der Arbeitgeber, der Zulieferer und der Gesellschaft verpflichtet als vorab dem eigenen Börsenkurs. Entsprechend ist der weitere Globalisierungsdruck, wie er zum Beispiel mit dem derzeit geplanten Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU auch auf die Schweiz steigen wird, sehr kritisch zu betrachten. Das ist ein weiterer Schritt weg von der sozialen (und ökologischen) Marktwirtschaft, in welcher die Wirtschaft für die Menschen und nicht die Menschen für die Wirtschaft da sein soll.

Gerhard Pfister: Nochmals: Die Chancen der Globalisierung sind weitaus grösser als die Risiken. Gerade die Schweiz ist eines der Länder, das die Globalisierung am besten meistert. Alle Indikatoren zeigen, dass die Armut in der Welt abgenommen hat. Asien – und China – sind das beste Beispiel dafür. Es gibt keine Alternative, die mehr Menschen ein anständiges Leben und Arbeit ermöglicht, als offene Märkte. Sozial ist, was Arbeit schafft.

Balthasar Glättli: Das stimmt aber nur, wenn die Gewinne der Globalisierung auch den Arbeitnehmenden zugute kommen – und nicht via Steueroasen am Fiskus vorbei in die Taschen der Grossaktionäre fliessen. Und dass da auch die Schweiz gefordert wäre, hat der Piketty-Schüler Gabriel Zucman im Buch «Steueroasen – Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird» überzeugend gezeigt.

Quelle: NZZ am Sonntag, 07.02.2016