Sharing Economy: Wer bestimmt?

„Reden über Geld“ – das wird im Stapferhaus Lenzburg gemacht. Als Gastredner von der Kanzel erklärte ich, dass auch in Zeiten der Sharing Economy das Teilen noch nicht selbstverständlich ist.

Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.
Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.
Darauf antwortete er: Bringt sie her!
Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle assen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.

So erzählt uns die Bibel in Matthäus, Kapitel 14, von der Speisung der Fünftausend, vom Wunder des Teilens.

Liebe Anwesende, dieses Beispiel zeigt, dass etwas gar wundersam mehr werden kann, wenn man es teilt. Die sogenannte Sharing Economy ist heute in aller Munde. Sie schliesst an ein Versprechen an, dass Teilen mehr ist als Besitzen. Und wenn wir den Prognostikern glauben, führt die Sharing Economy zu einem völligen Umbruch, zu einer Disruption unserer heutigen Wirtschaftsweise. Allerdings müssen wir, wie überall, wenn uns Wunder versprochen werden, auch etwas genauer hinschauen. Ich selbst habe das Bibelzitat von der Speisung der 5000 bereits einmal als Einleitung eines Vortrags genutzt, aber dort ging es eben nicht um materielle Dinge, sondern um Wissen – im konkreten Fall um Software und Code. Bei der Wissensökonomie kann man tatsächlich überzeugt sagen: hier gilt das alte Gesetz der Knappheit nicht mehr. Vielmehr wird Wissen tatsächlich mehr, wenn wir es teilen. Wissen hat, so würden es die Ökonomen formulieren, positive Externalitäten. Digitale Informationen können praktisch gratis vervielfältigt werden. Und wenn ich so mein Wissen mit anderen teile, dann kann sich der gesellschaftliche Nutzen ebenfalls vervielfachen.

Heute aber reden wir ja nicht, oder jedenfalls nicht nur, von Wissen. Sondern von der guten, alten, materiellen Welt. Wir reden von Gegenständen, von Bohrmaschinen, Wohnungen, von Autos, Filmkameras und Büchern, von Arbeitsplätzen, Druckern und Kopierern. Die kann man zwar nicht einfach gratis vervielfältigen – aber man kann ihren Nutzen optimieren, wenn man sie teilt. Eine Bohrmaschine zu besitzen, die man höchstens alle sechs Monate einmal braucht, das ist zwar für viele „normal“. Aber klug ist es nicht. Wenn man sich in seinem Wohnblock, in seinem Quartier, beim Hauswart eine Bohrmaschine ausleihen könnte, dann würde das bestens reichen. Wir kennen das ja in der Schweiz auch mit dem Auto, mit Mobility. Wenn ich für das Auto nur dann bezahlen muss, wenn ich es auch wirklich brauche, statt einen Parkplatz mieten zu müssen, um das unbenutzte Auto abzustellen, dann ist das für viele günstiger.

Wir sparen auch Ressourcen, Rohstoffe und Energie, wenn man nicht tausende Autos oder Bohrmaschinen herstellen muss, welche die grössten Zeit ihrer Lebensdauer unbenutzt herumstehen und herumliegen.

Jeremy Rifkin, der Soziologe, Ökonome, Publizist und Berater hat dazu schon vor anderthalb Jahrzehnten ein Buch geschrieben, es heisst Access. Das Verschwinden des Eigentums und spricht davon, dass die gesellschaftliche Entwicklung sich immer stärker weg vom Eigentum und hin zum Zugang entwickelt. Konkret: Nicht dass ich als KMU einen Server und ein Buchaltungsprogramm besitze ist wichtig, sondern dass ich Zugang zu einem Onlineangebot habe,
das mir diese Leistungen anbietet. Nicht, dass ich ein Auto besitze, sondern dass ich Zugang zu Mobilität habe, ist wichtig.

Allerdings weist Rifkin darauf hin, dass es in diesem Zusammenhang nicht unwesentlich ist, wie dieser Zugang organisiert ist. Nehmen wir als Beispiel Mobility, gewissermassen das Sharing Economy Angebot avant la lettre, also lange vor dem heutigen Hype. Mobility ist als Genossenschaft organisiert, und das mit gutem Grund. Denn damit wurde eine Tradition aufgenommen, die in unserer Geschichte verwurzelt ist. Genossame, Genossenschaft, Allmenden… All die Begriffe erinnern uns daran, dass gemeinschaftliches Eigentum durchaus eine Tradition hat, nicht erst mit der Erfindung des Internets beginnt. Gemeinschaftliches Eigentum aber, der Begriff allein verweist darauf, ist eben nicht einfach die Aufhebung des Eigentums. Nein. Es ist vielmehr eine andere Form des Eigentums. Während wir mit dem Begriff des Eigentums im Normalfall die Idee verbinden, dass jemand als Privat-Eigentümer allen anderen den Zugang, den Zugriff zu etwas verwehren kann, ist mit der Idee des Gemein-Eigentums die Idee verbunden, dass ich zusammen mit anderen das Recht auf Zugang zu einer gemeinsamen Ressource habe. Sei dies nun – modern – die Benutzung eines Auto der Mobility-Flotte, oder sei dies – ganz altmodisch – das Recht, mein Vieh auf der gemeinsamen Weide, der Allmend, weiden zu lassen.

Sharing Economy bedeutet aber auch etwas ganz anderes, in den Zeiten der internationalen Sharing Plattformen von uber und AirB’nB. Sharing Economie bedeutet heute auch, dass Internetkonzerne Plattformen errichten, welche Angebot und Nachfrage miteinander in Verbindung bringen. Und gemäss dem Prinzip der Internet-Wirtschaft läuft es hier oft auf ein Oligo- oder gar ein Monopol hinaus: the winner takes all, so funktioniert die Netzwerk-Ökonomie. Angebot und Nachfrage miteinander in Verbindung zu bringen – das ist die Aufgabe des Marktes. Und mit der Entwicklung der Sharing-Economie-Internet-Giganten, werden nun nicht Güter privatisiert, wie dies mit der Einzäunung der Allmenden geschah, die den Beginn des modernen Industriekapitalismus markierten, nein, nun werden die Märkte selbst privatisiert. Wer teilhaben will am Markt, der muss sich den Regeln der Vermittler unterwerfen, denn diese bündeln die Nachfrage und diktieren den Preis und die Bedingungen.

Die Sharing Economy stellt uns also heute vor eine Weggabelung. An uns als Bürgerinnen und Bürger ist es zu entscheiden, auch politisch zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen wollen. Wir könne jene Richtung weg vom Haben hin zu einem Teilen gehen, bei dem am Schluss das einzige, das wir wirklich alle teilen miteinander die Angst ist, die Angst vor dem Ausschluss, die Prekarität, ausgeliefert zu sein an Tauschplätze, die von globalen Internetkonzernen beherrscht werden und auf denen wir als Karikaturen eines enterpreneurial self, eines «unternehmerischen Selbst» uns zu Markte tragen müssen und gleich auch noch die Produktionsmittel selbst beibringen müssen.

Oder aber wir können jenen Weg gehen, dass wir das Haben, das Privateigentum, ersetzen durch eine echte Teilhabe an den wichtigen Ressourcen, indem wir uns der Privatisierung des Marktes wiedersetzen. Indem wir dafür eintreten, dass das positive Versprechen des Teilens wahr gemacht wird, und uns hilft, verantwortlicher mit unserem gemeinsamen menschlichen Erbe umzugehen.

So oder so: „Sharing Economy“ ist auf jeden Fall nicht Business as usual.