Imame als Feldprediger?

«Allahu akbar» in der Armee? Gerhard Pfister ist dagegen – bis wir den Islamismus im Griff haben. Balthasar Glättli sieht da hingegen eine Pionierrolle fürs Militär.

Gerhard Pfister: Geschätzter Kollege, der Chef der Armee hat diese Woche angekündigt, die Einführung von Feld-Imamen zu prüfen. Ich halte das für keine gute Idee, denn es sind viele wichtige Voraussetzungen nicht erfüllt, die ein solches Vorhaben überhaupt diskutierbar machen würden. Wie denken Sie darüber?

Balthasar Glättli: Ich habe nie an den Mythos der Armee als «Brückenbauerin der Schweiz» geglaubt. Dennoch finde ich den Vorstoss des Armeechefs begrüssenswert: Die Religionsfreiheit ist eine wichtige Grundfreiheit in der Schweiz. Und es hat Muslime, die mit Überzeugung als Schweizer Militärdienst leisten. Warum sollte es nicht auch Imame als Feldprediger geben?

Gerhard Pfister: Weil es das falsche Signal ist. Wir diskutieren in der Schweiz derzeit über die Frage, welche Imame bei uns predigen dürfen und welche nicht. Wir haben noch nicht einmal eine ausreichende Kenntnis darüber, was in den Moscheen in der Schweiz gepredigt wird, wo wir Tendenzen haben, die sich gegen unseren Rechtsstaat und die westlichen Werte richten, welche Sicherheitsrisiken von solchen Predigern ausgehen. Von der Finanzierung durch ausländische Staaten ganz abgesehen. Bevor wir nicht wirklich die radikalen Islamisten identifiziert und allenfalls aus dem Land gewiesen haben, ist die Einführung von Feld-Imamen in der Armee kein Thema.

Balthasar Glättli: Selbst CVP-Sicherheitspolitiker sehen dies anders. So zum Beispiel Jakob Büchler, der mit mir in der sicherheitspolitischen Kommission sitzt. Ich teile seine Meinung: Wenn Muslime sich in der Armee engagieren und einen Feldprediger ihrer Religionsangehörigkeit wünschen, dann sollten wir ihnen entgegenkommen. Allerdings ist klar: Die Ausbildung solcher Imame muss unmissverständlich geregelt sein, und die Stellung darf natürlich nicht für Werbung für radikalislamistische Inhalte missbraucht werden. Wenn die Armee so zum Katalysator für eine schweizerische Imam-Ausbildung würde, dann sollte mich das freuen. Wir Grünen fordern dies schon lange.

Gerhard Pfister: Dass die Armee hier Pionier oder gar Katalysator sein sollte, bezweifle ich sehr stark. Wir können dieses Problem auch nicht isoliert in der Armee angehen, sondern müssen zuerst breiten gesellschaftlichen Konsens haben, was die Aufgaben und die Voraussetzungen solcher Imame sein sollen. Die Integration von Muslimen in unsere Gesellschaft ist grösstenteils kein Problem. Aber Imame kommen ebenfalls in vielen Fällen aus dem Ausland. Gerade das birgt erhebliche Risiken für uns. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass auch heute von muslimischen Exponenten in der Schweiz im Namen der Religionsfreiheit Dinge gesagt und getan werden, die unseren rechtsstaatlichen Normen diametral entgegengesetzt sind. Zuerst müssen die Muslime in der Schweiz in ihrer eigenen Gemeinschaft die klaren Grenzen ziehen zwischen Rechtsstaatlichkeit und Fundamentalismus. Das ist bis heute einfach nicht der Fall.

Balthasar Glättli: Wir sollten die krassen Vorurteile gegen die Muslime nicht anheizen, sondern abbauen helfen. Sie sagen korrekt, dass die Integration in unsere Gesellschaft grösstenteils kein Problem ist. Gegenüber diesen Menschen, die im Ernstfall mit ihrem Leben für dieses Land einstehen, sollten wir von uns aus auch Brücken bauen. Überdies muss die Armee ja schon heute dafür sorgen, dass keine Soldaten mit radikalen Einstellungen in ihr Dienst tun – sei dies nun Rechtsextremismus oder sonst eine Gesinnung, welche unsere verfassungsmässigen Grundwerte in Frage stellt. Imame zu finden oder auch auszubilden, die unter Anerkennung unserer rechtsstaatlichen Grundsätze ihre seelsorgerische Tätigkeit ausüben können, dürfte fürwahr kein so unlösbares Problem sein, wie Sie es darstellen!

Gerhard Pfister: In der Schweiz gibt es genug Brücken, die man beschreiten kann, um sich bei uns zu integrieren. Wäre das Gegenteil der Fall, hätte die Schweiz nicht so viel Migration. Unsere Gesellschaft hat eine enorme Integrationskraft. Ich finde Ihren Hinweis auf den Rechtsextremismus bemerkenswert, ich stimme Ihnen zu. Aber ich wünsche mir die gleiche Konsequenz in der Bekämpfung des linken oder des islamistischen Extremismus. Deutschland ging den Weg des undifferenzierten Liberalismus, der eigentlich nur ein Wegschauen war. Frankreich den Weg der Ghettoisierung, der zu rechtsfreien Gebieten führte, wo der Staat sich nicht mehr hinwagt. Die Schweiz hat auch deshalb eine bessere Integration erreicht, weil sie hohe Anforderungen stellte. Diese Anforderungen sind aus meiner Sicht für die Zulassung von Imamen in der Schweizer Armee derzeit nicht gegeben.

Balthasar Glättli: Da widerspreche ich Ihnen ganz entschieden. Ich fürchte, Ihr Widerstand nährt sich auch aus der historischen Tradition, welche die Schlacht als Gottesgericht sah. Da spielten dann Feldprediger wie der spätere Kardinal Matthäus Schiner und der Reformator Huldrych Zwingli eine herausragende Rolle. Aber die heutige Rolle der Armeeseelsorger ist eine andere, mehr nach innen gewandte. Nicht mehr der Kampf der Konfessionen oder Religionen oder die Hoffnung, von Gott auf dem Schlachtfeld belohnt zu werden, steht im Mittelpunkt. Sondern die Aufgabe, Schweizer Soldaten welcher Religion auch immer, die dies wünschen, seelsorgerisch zur Seite zu stehen. Darum ist nicht einzusehen, weshalb es in der Schweizer Armee nicht auch Feld-Imame oder Feld-Rabbiner geben sollte.

© NZZ am Sonntag; «Warum sollte es nicht auch Imame als Feldprediger geben?»; 16.04.2017