Sexismus in der Politik?

Übergriffe – und in der Politik? Gerhard Pfister nennt Beispiele für Sexismus im Bundeshaus. Balthasar Glättli sieht das Problem bei zu viel Männermacht. Die E-Mail-Debatte.

Gerhard Pfister

Geschätzter Kollege, Paul Ryan, der höchste Republikaner im US-Kongress, will alle Abgeordneten und Mitarbeitenden des Repräsentantenhauses in Präventionskurse gegen sexuelle Belästigungen schicken. Nach den Weinstein-Enthüllungen brechen die Dämme des Verschweigens. Fast täglich werden Übergriffe publik, von Schauspielern, von Politikern. Was halten Sie von Ryans Vorschlag?

Balthasar Glättli

Werter Kollege, es ist zum Lachen und zum Weinen. Zum Lachen, weil es ja absurd ist, Benimmkurse zu geben, damit Männer sich so verhalten, wie es eigentlich jede Erziehung vermitteln sollte. Zum Weinen, wenn Ryan angesichts immer neuer Enthüllungen davon ausgehen muss, dass tatsächlich eine Kultur der Übergriffigkeit existiert.

Gerhard Pfister

Man könnte leicht Ryan als Heuchler abtun. Dennoch imponiert es mir dann auch wieder, wie der amerikanische Politikbetrieb mutig und offensiv an das Problem herangeht. Die Signalwirkung halte ich für wichtig. Denn man bewegt sich beim Thema Übergriffe ja in einem Bereich, der mit falschem Verhalten zu tun hat, das nicht nur gesetzlich regelbar ist. Es geht um Rollenbilder, Macht, Erziehung und Sozialisierung.

Balthasar Glättli

Tatsächlich geht es wohl um Macht. Und weil sehr viel Macht in Männerhänden ist: um eine Unkultur der mächtigen Männer. Sei dies im Sport, in der Film- und Medienbranche, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wer Macht hat, macht die eigenen Regeln gerne nach eigenem Gutdünken. Und wer etwas werden will, hat gefälligst mitzuspielen.

Kurse oder auch öffentliche Verurteilungen helfen wohl vor allem den vergangenen oder künftigen Opfern solcher Übergriffe: Sie müssen wissen, dass sie sich wehren können, ohne mit Jobverlust und Schweigegeld abgestraft zu werden. Die Kultur des Wegschauens muss aufhören.

Gerhard Pfister

Einverstanden. Aber man sollte dann auch bei jenem Sexismus hinschauen, der sich etwa in Verschleierungsgeboten äussert. Oder darin, dass Jugendliche einer Lehrperson die Hand nicht geben wollen, weil sie eine Frau ist. Oder darin, dass ein linker Nationalrat sich weigert, an Podien ohne Frauenbesetzung teilzunehmen, sich aber diese Woche via Twitter sexistische Bemerkungen gegenüber missliebigen Journalisten und Journalistinnen herausnimmt.

Als Isabelle Moret für den Bundesrat kandidierte, konnte ich ungefragt von Parlamentsmitgliedern beiderlei Geschlechts herabwürdigende Bemerkungen hören. Ein paar davon wurden gegenüber Journalisten wiederholt. Natürlich unter dem Schutz der Anonymität. Neben den Übergriffen, die eine Machtsituation ausnützen, gibt es die ganz alltäglichen verbalen, teilweise auch physischen Übergriffe, die Frauen meist einfach zu ertragen haben.

Balthasar Glättli

Ja, der Alltag spiegelt eine Kultur, die auf Männermacht ausgerichtet ist. Sie gilt es zu überwinden. Und hier braucht offensichtlich nicht nur der Islam eine Aufklärung. Auch unsere Gesellschaft ist hinter und vor den Kulissen männlicher strukturiert, als wir meinen. Reformbedarf also hüben wie drüben.

Vermutlich ist die Empörung über verweigerte Handschläge auch darum so gross, weil dies die Frage nach einer männlich dominierten Gesellschaft stellt, die auch uns selbst betrifft. Es ist aber falsch, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Dominanz und Männerseilschaften sind eins. Sexistische Sprüche etwas anderes. Und sexuelle Nötigung und Vergewaltigung nochmals etwas Drittes. Gegen all dies gilt es aufzustehen.

Gerhard Pfister

Den Handschlag einer weiblichen Lehrperson zu verweigern, halte ich schlicht und ergreifend für den Ausdruck eines fatalen Frauenbildes und den Ausdruck miserabler Integration. Das gehört genauso verurteilt wie andere frauenverachtende Handlungen. Natürlich muss man unterscheiden. Deshalb sollte man auch vorsichtig sein mit dem Begriff «Männermacht». Die Mehrheit der Männer hat genauso viel oder wenig Macht wie Frauen.

Andererseits hoffe ich, man müsse am heutigen Internationalen Männertag nicht überall die selbstmitleidige Platte von der Benachteiligung der Männer hören. Dieses larmoyante Gerede von der Verunsicherung der Männer, die sich nicht mehr trauten, einer Frau ein Kompliment zu machen, kann ich nicht mehr hören. Ebenso die Klagen, dass es mehr Mädchen als Knaben am Gymnasium habe. Das Gejammer über den Leistungsdruck und die angeblich krankmachenden Bedingungen, unter denen heute Männlichkeit gelebt werden müsse, führt zu nichts, ausser zu endlosen Debatten über das angeblich richtige Rollenverständnis, die nur Gesellschaften an der Spitze des Wohlstands führen können.

Balthasar Glättli

Für einmal völlig einverstanden mit der Bemerkung zum larmoyanten Gerede über die Männerverunsicherung. Und Handschlagverweigerung ist ein Problem – aber man kann es nicht mit Gesetzen lösen.

Nicht einverstanden bin ich bei der «Männermacht». Ja, die Mehrheit der Männer ist nicht mächtig – im Vergleich zu andern Männern. Aber auch hier erleben wir die falsche Reaktion: «Nach oben buckeln, nach unten treten.» Sprich: Statt sich zusammen mit anderen Machtlosen für Emanzipation und mehr Einfluss zu wehren, statt gemeinsam gegen den Druck am Arbeitsplatz aufzustehen oder gegen die Drohung, diesen zu verlieren, werden noch Schwächere zum Sündenbock gemacht: Die Frauen müssen zurück an den Herd. Die Ausländer raus. So geben die ohnmächtigen Männer die strukturelle Gewalt nach unten weiter, statt sich gemeinsam gegen sie zu wehren.

© NZZ am Sonntag; «Dieses larmoyante Gerede von der Verunsicherung der Männer»; 19.11.2017