Longevity für Eliten — oder grüne Stadt für alle?
In Kürze
Dieser Text erschien als Grüne Gedanken zur Woche in der Wochenzeitung P.S. vom 11.7.2025.
Die Zürcher Wahlen versprechen spannender zu werden als andere Male. Den Auftakt machte der mutige Entscheid der Grünen, den freiwerdenden FDP-Sitz mit einer dritten Kandidatur anzugreifen. Parallel dazu erwarteten die Politbeobachter:innen einen ernsthaften Anlauf zur bürgerlichen Wende. Die Freisinnigen hatten eine Stadtpräsidiumskandidatur versprochen mit überparteilicher Ausstrahlung von SVP bis Mitte und GLP. Eine historisch ambitionierte Ansage.
Das letzte Mal einigten sich die Bürgerlichen auf eine überparteiliche Kandidatur vor über drei Jahrzehnten: 1994 kandidierte der aus Adliswil eingeflogene Andreas Müller. Die Stapi-Kandidatur von LdU-Ständerätin Monika Weber 1998 soll zwar vom Rechtsfreisinnigen Ernst Cincera eingefädelt worden sein – mangels wäger Stapi-Kandidat:innen aus der FDP. Der Zuspruch aus den Reihen der Freisinnigen blieb aber bereits lahmer. Man fürchtete Konkurrenz zu den eigenen Kandidierenden. Nicht zu Unrecht. Mit Hans Wehrlis Abwahl fiel letztmals in Zürich ein Bisheriger raus.
Ein Vierteljahrhundert später nun sollte es wieder klappen, versprach die FDP. Sie überredete die SVP, die Suche einer überparteilichen Kandidatur ihr zu überlassen. Brav stellte die SVP mit ihrem Ko-Präsidenten Ueli Bamert nur einen einzigen und nach ihren Massstäben ziemlich netten Kandidaten. Und verzichtete auf eine Stapi-Kandidatur. Eher düpiert fühlte sie sich verständlicherweise, als die versprochene überparteiliche Lichtgestalt sich dann in Person des FDP-Präsidenten Përparim Avdili manifestierte. Aus Sicht des Freisinns eine interessante Wahl: ein kantiger und spannender Kandidat. Mit der Überparteilichkeit dagegen war es weniger weit her. Zumal Avdili die strategische Zusammenarbeit seiner Partei mit der SVP bei den letzten Nationalratswahlen als Fehler bezeichnet hatte.
Die Reaktion kam klar und deutlich. Bamert kürte sich in einem Interview diese Woche doch noch zum Stapi-Kandidat. Avdili durfte dies pikanterweise aus der NZZ erfahren. Nun kämpfen die Bürgerlichen – auch – gegeneinander. Und treten dazu einerseits (Bamert, in der NZZ) gegen «die linken Wollsocken aus dem Kreis 4» an. Und andererseits (Avdili, im P.S.) für einen «Zurich Dream» mit der Metropole als Ort für künstliche Intelligenz, Blockchain und Longevity.
Ob «Longevity», diese von Elon Musk und Peter Thiel geprägte Vision vom ewigen Leben für Superreiche, tatsächlich zum Zürcher Wahlkampfknüller taugt, muss sich allerdings noch weisen. Ich wage zu behaupten, dass Projekte für ein besseres Leben für alle in einer grüneren Stadt mehr Menschen aus dem Herzen sprechen als solche für ein unendliches Leben für die, die‘s vermögen. Und wenn wir an die Hitzesommer denken, dann ist die Anzahl Bäume für Zürich wesentlich wichtiger als die Anzahl Parkplätze …
Bei aller Spannung der Stadtratswahlen aber gilt es eins nicht zu vergessen: Die knappen Mehrheiten gibt es im Gemeindrat. Nur eine einzige Stimme Vorsprung haben heute Rot-Grün-Alternative. Darum sind diese Wahlen anekdotisch sicher weniger unterhaltsam. Aber politisch umso wichtiger.
Balthasar Glättli