1. Mai Rede 2014

Am 1. Mai 2014 wurde ich als Haupt-Redner nach St. Gallen eingeladen. Hier das Manuskript meiner Rede, und die ganze Rede zum Nachhören.

 

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

Für die Einladung nach St. Gallen möchte ich dem St. Galler Gewerkschaftsbund und der Präsidentin, Barbara Gysi, ganz herzlich danken – ich bin gerne gekommen!

Ich bin froh, sind wir hier zusammen, um gemeinsam den 1. Mai zu feiern.

An den Anfang meiner Rede möchte ich eine ganz einfache Frage stellen: was meinen WIR hier eigentlich, hier am 1. Mai, wenn wir «WIR» sagen?

Wir hier, wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, wir Linken, Grünen, Alternativen, wir haben das «WIR» ja nicht nicht gepachtet. Nicht das Wort – und auch nicht seine Bedeutung.

Nein, ganz im Gegenteil: Wir müssen dafür kämpfen, dass das wir weiterhin ein fortschrittliches WIR bleibt, dass es nicht einfach übernommen wird, umgedeutet, ausgenutzt.

Wir stehen für ein WIR, das aufnimmt, nicht ausgrenzt,

Wir stehen für ein WIR das zusammensteht, nicht Sündenböcke sucht

 

Es gibt ein ein WIR füreinander. Und es gibt WIR gegen die andern.

Das WIR gegen die anderen ist das WIR der Rechten. Ausgrenzend. Ein Zusammenhalt, der sich erst durch die Gegner ergibt. Eine Abwehrhaltung. Ein Wir, das den Triumph der Überlegenheit gegen Schwächere auskostet, um die Abhängigkeit von den Stärkeren zu verdrängen.

Das WIR der Rechten ist ein Velofahrer-Wir nach dem Motto:
«Nach oben buckeln, und nach unten treten.»

Das WIR füreinander hingegen ist unser WIR, das WIR der Solidarität. Wenn wir einen Schritt geschafft haben, auf der Treppe nach oben, die oft weniger eine bequeme Treppe ist als vielmehr eine steile Felswand… dann wollen wir nicht von oben diejenigen zurückstossen, die hinter uns kommen – sondern ihnen die Hand reichen, sie mit uns ziehen.

Das solidarische WIR fragt nicht, woher jemand kommt – sondern wohin wir gelangen können, gemeinsam, wenn wir zusammen stehen. Gemeinsam stärker, stärker als jeder für sich.

 

Der erste Mai, das ist immer ein Moment, zu überlegen, woher unsere Bewegung kommt.

Oft gibt der Blick zurück auch gute Argumente für das Heute. Dann, wenn wir die Angstmacherei von rechts gegen eine Politik des Anstands und der Würde als das entlarven können, was sie sind: eben Angstmacherei. Und nicht faires Abwägen von Pro und Kontra.

Gerade jetzt, im Zusammenhang mit der Mindestlohn-Initiative, wird uns Angst gemacht.

Schauen wir zurück, in die ferne Vergangenheit, 137 Jahre. Im Jahre 1877 diskutierten wir über die Abschaffung der Kinderarbeit. Was waren die Argumente der Fabrikherren, der Bonzen, der Besitzenden? Die Wirtschaft würde das nicht verkraften, wenn die Kinderarbeit abgeschafft sei und wenn dann Erwachsenen höhere Löhne zu zahlen seien. Lieber die Kinder mit Billiglöhnen ausbeuten, anstatt gar keine Arbeit mehr zu haben. Unsere Vorkämpfer haben 1877 diese Abstimmung gewonnen. Die Kinderarbeit unter 14 Jahren in der Industrie wurde abgeschafft. Gegen das Wehklagen der Industriebarone.

Und was geschah? Ist etwa die Industrie eingegangen, damals? Ist die Arbeitslosigkeit explodiert? – Nichts von alledem! Nein, vielmehr haben wir damals einen ersten wichtigen Schritt erkämpft für mehr Würde und Anstand im Arbeitsleben.

Darum ein erstes Mal: Ja am 18. Mai zum Mindestlohn.

 

Schauen wir zurück, in die nahe Vergangenheit, vor 3 Monaten.

Liebe Kollegen, Kolleginnen, mit und ohne Schweizer Pass

Der 9. Februar war ein rabenschwarzer Tag. Wir haben knapp den Angriff der SVP nicht stoppen können. Sie, die sich allen konkreten Lösungen verweigern,

Sie, die NEIN sagen zum Mindestlohn

Sie, die NEIN sagen zu den flankierenden Massnahmen

Sie, die NEIN sagen zum Schutz der Landschaften + zu besserer Raumplanung

Sie, die NEIN sagen zu mehr Mieterinnen- und Mieterschutz

Sie, die NEIN sagen zum Kampf gegen die Mietexplosion

Sie, die NEIN sagen zum Ausbau des Öffentlichen Verkehrs

Sie, die NEIN sagen zum Kampf gegen die wachsende Ungleichheit

Sie, die alle konkreten Lösungen für eine sozialere und eine ökologischere Schweiz ablehnen – sie spielten erfolgreich mit Ängsten und mit der uralten Fremdenfeindlichkeit.

 

Aber eines kann ich euch hier sagen: wir werden nicht dulden, dass wegen dem 9. Februar ein neues, unmenschliches Saisonnierstatut eingeführt wird. Wir werden nicht dulden, dass Menschen hier über eine längere Periode arbeiten, ohne dass sie ihre Familien mitnehmen dürfen. Und wir werden nicht dulden, wenn gewisse Arbeitgeber nur Arbeitskräfte rufen. Wir werden dafür sorgen, dass sie merken, dass Menschen auch menschlich behandelt und entlöhnt werden müssen, indem wir mit diesen Menschen gemeinsam kämpfen!

Die Löhne verteidigen müssen wir – nicht die Grenzen!

Darum, ein zweites Mal: JA am 18. Mai zum Mindestlohn!

Nur ein korrekter Mindestlohn verhindert das Lohndumping. Nur ein korrekter Mindestlohn verhindert, dass in- und ausländische Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt werden.

Und ich sage das hier ganz bewusst auch als Grüner: Weder die Ausbeutung der Menschen noch die Ausbeutung der Natur bekämpfen wir, indem wir Menschen gegen Menschen ausspielen, durch Fremdenfeindlichkeit!

 

Aber lasst uns nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft schauen: ein Mindestlohn ist nicht nur Verteidigung gegen das Lohndumping – er ware auch der grösste Fortschritt in Sachen Lohngleichheit zwischen Mann und Frau, den dieses Land je gesehen hat.

Unsere Gegner beschimpfen  die Frauen als „Zweitverdienerinnen“, die ja nur für das Zubrot der Haushaltkasse zuständig sind – und der Arbeitgeber-Direktor, der Herr Professor Doktor Roland Müller erfrechte sich diese Woche gar zur Aussage, die Frauen verdienten halt weniger, weil sie sich weniger anstrengen!

Ganz nach dem Motto «was nichts kostet, ist nichts wert» findet es Müller offenbar voll ok, wenn die Frauen zuhause weiterhin zwei Drittel der Gratisarbeit machen. Und wenn sie dann – das will der Herr Müller uns doch eigentlich zwischen den Zeilen sagen – vielleicht ein bisschen weniger flexibel unbezahlte Überstunden für seine lieben Arbeitgeber verrichten, weil jemand ja die Kinder von der Krippe abholen muss, dann muss das natürlich einen niedrigeren Lohn geben.

 

Schauen wir das zum Schluss mal genauer an. Machen wir die Augen auf – es gibt nicht nur die Wirtschaft der bezahlten Arbeit. Mascha Madörin hat als Ökonomin immer wieder darauf hingewiesen [1]:

«Unbezahlte Arbeit in Haushalten dient wesentlich der Erhöhung unseres Lebensstandards. Die Konsumgüter müssen eingekauft, Kleider müssen gewaschen, Mahlzeiten gekocht, Wohnungen geputzt, Bettwäsche ab und zu gewechselt werden.»

Jährlich werden von Schweizer Haushalten für knapp 30 Milliarden Franken Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke eingekauft. Wissen sie, wieviel es kosten würde, wenn man die Zeit, die gratis gearbeitet wird für das Zubereiten, zusammenrechnet? Man käme auf das Doppelte: rund 63 Milliarden Franken, Jahr für Jahr.
«Dazu kommen Tischdecken, Abwaschen und Wegräumen des Geschirrs, was zusätzlich unbezahlte Arbeit im Wert von knapp

26 Milliarden Franken pro Jahr beansprucht hat. Im Vergleich: Banken und Versicherungen wiesen im gleichen Jahr eine Bruttowertschöpfung von 60 Milliarden Franken auf!»

 

Und wenn wir nicht vom Geld reden, sondern ganz einfach von der Zeit:

«Allein um mit ihren Kindern spazieren zu gehen und ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, wenden Eltern doppelt so viel Zeit auf, als im ganzen Erziehungs- und Unterrichtswesen vom Kindergarten bis zur Universität an Erwerbsstunden gearbeitet wird.»

Und wir hier alle wissen es: bei aller Emanzipation, bei aller rechtlichen Gleichstellung – der wesentlich grössere Teil dieser Arbeit wird unbezahlt geleistet, mindestens zu zwei Dritteln von Frauen.

Darum Herr Müller, Herr Professor Doktor Arbeitsgeberdirektor: wenn Sie unterstellen, die Frauen verdienten weniger, weil sie sich weniger anstrengen, mein lieber Herr… packen Sie doch selbst mal an, zuhause!

 

Auch wir tragen Verantwortung, Frauen – und auch Männer – wenn wir füreinander, für unsere Kinder, vielleicht auch für unsere Eltern sorgen – aber im Gegensatz zu den Grossverdienern in der Manager-Etage die sie vertreten können wir uns nicht einfach mit einem goldenen Fallschirm verabschieden, wenn es mal schwierig wird oder wenn wir einen Fehler gemacht haben!

 

Ich habe noch kein einleuchtendes Argument gehört, warum Verkäuferinnen in Läden, die Familien mit  milliardenschweren Reichtum gehören, für weniger als 4000 Franken arbeiten sollten? Solche Ausbeutung müssen wir stoppen!

 

Und auch hier zum Schluss nochmals die Fakten: In der Schweiz verdienen Frauen immer noch 18.4% weniger als Männer. Und nicht nur die unbezahlte Arbeit wird zu zwei Dritteln von Frauen gemacht. Auch bei den Tieflohnbeschäftigten sind zwei Drittel Frauen.

Darum wiederhole ich:

Wenn wir an der Urne ein Ja zur Mindestlohn-Initiative durchsetzen, dann sorgen wir für den grössten Fortschritt in Sachen Lohngleichheit, den dieses Land je gesehen hat.

 

Sozialer Fortschritt, mehr Gerechtigkeit, weniger Angst und mehr Solidarität – das ist nicht etwas, das jemand im stillen Kämmerlein erfindet… NEIN

Sozialer Fortschritt, mehr Gerechtigkeit, weniger Angst und mehr Solidarität das können wir nur gemeinsam verteidigen und neu erkämpfen, an der Urne, auf der Strasse, am Arbeitsplatz, im Alltag – indem wir uns nicht einsam machen lassen, sondern zusammenstehen, für Aufbruch statt Abbruch

Männer und Frauen,

Jung und Alt,

Menschen unterschiedlichster Herkunft,

Wir zusammen. Menschen mit einer gemeinsamen Zukunft.

 

[1] Vgl. www.denknetz.ch/sites/default/files/print_pdf/arbeit_ohne_knechtschaft.madoerin.pdf