Das NATO 5%-Ziel gibt einen sicherheitspolitisch falschen Kompass
In Kürze:
- Die NATO fordert, dass alle Mitgliedstaaten Militärausgaben von früher 2% und neu 3.5% des Bruttoinlandprodukts leisten.
- Was viele nicht wissen: Die USA berechnen ihre eigenen Rüstungsausgaben grosszügiger als die anderen NATO-Mitgliedsstaaten und bläht so die US-Beiträge auf.
- Ein sicherheitspolitisch sinnvolles Modell müsste dagegen den kurzfristigen Outcome und den strategischen Impact auf die Sicherheit betrachten, und dabei auch die zivile Verteidigung einbeziehen und die tatsächlichen Fähigkeiten messen – statt bloss den BIP‑Anteil der Rüstungsausgaben zum Massstab zu nehmen.
Die Illusion der Prozentzahlen
Der bis vor kurzem geforderte NATO‑Benchmark, dass alle Mitglieder 2 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Verteidigung investieren sollten, war ein falsches Ziel und setzte die falschen Anreize. Das gleiche gilt auch für das neue Ziel, dass alle NATO-Mitglieder 5 % des BIP ausgeben sollten (3.5% für Verteidigungsausgaben im engeren Sinn plus 1.5% für weitere sicherheitspolitisch relevante Infrastruktur).
Wenn die Militärausgaben in BIP-Anteilen gemessen werden, belohnt dies Länder, die in einer Rezession stecken und es bestraft Länder mit einem wachsenden BIP. Wenn nämlich das BIP schrumpft, steigt bei gleichbleibenden Militärausgaben automatisch die Verteidigungsquote, ohne dass ein einziger Panzer mehr gebaut wird. So entsteht der Eindruck steigender Leistung, obwohl in Wirklichkeit Stillstand oder sogar Abbau herrscht. Umgekehrt kann ein Land mit wachsendem BIP sogar seine Militärausgaben erhöhen und damit relevante Ausgaben für die Verteidigung tätigen – und die Verteidigungsquote sinkt dennoch.
Die reine Messung von Militär-Ausgaben fragt auch nicht nach der Wirkung: Sie sagt nichts darüber aus, wie einsatzbereit Armeen sind, wie glaubwürdig die Abschreckung funktioniert oder ob Fähigkeiten zur Bündnisverteidigung überhaupt verfügbar sind. Kurz: Ein falscher Kompass führt bloss zu kreativer Buchhaltung, nicht zu mehr echtem militärischen Schutz.
In der Realität kann dieser Ansatz sogar zu ineffizientem Ressourceneinsatz verführen – etwa indem grosse Summen in teure Rüstungsprojekte investiert werden, die politisch eindrücklich, militärisch aber wenig wirksam sind. Auch sind unkoordinierte Rüstungsausgaben meist teurer, und liefern weniger «Sicherheit pro Dollar». Aber gerade damit blasen sie die Verteidigungsquote auf.
Verzerrte Berechnungen blähen die US-Ausgaben im Vergleich auf
Der von US-Präsident Trump oft zitierte Vergleich zwischen den NATO-Ausgaben der USA und der anderer Mitgliedsstaaten hinkt zudem gewaltig. Die USA berechnen nämlich ihre Verteidigungsausgaben deutlich grosszügiger als ihre NATO-Partnerinnen. Mit Methoden der SIPRI‑Statistik und zusätzlichen Posten wie Auslandshilfe, Pensionsleistungen, Veteranenversorgung, Rüstungsexporten und Industrie‑Subventionen erreichen sie offiziell bis zu 3,4 % des BIP. Rechnet man hingegen nur die NATO‑relevanten Ausgaben im engen Sinn, schrumpft der Wert bereits beträchtlich auf rund 2,73 %.
Ein zentraler Grund: Die USA zählen Auslandshilfeprogramme wie FMF (Foreign Military Financing, 6,1 Mrd. USD – diese und folgende Zahlen fürs Jahr 2024) und FMS‑Transaktionen (Foreign Military Sales, 18 Mrd. USD), umfangreiche Militärhilfe für die Ukraine (16,3 Mrd. USD) und Israel (4,3 Mrd. USD), andere globale Militärhilfe (13,5 Mrd. USD) sowie vom US-Kongress beschlossene Sonderausgaben in bestimmten Wahlkreisen (7,5 Mrd. USD) zu ihren Verteidigungsausgaben, Das alles sind Posten, die in Europa entweder nicht existieren oder dann separat bilanziert werden.
Zudem verschwanden europäische Zivilschutz‑Investitionen in Bunker, Mobilmachungsinfrastruktur und Bevölkerungsschutz (10–15 Mrd. USD) bisher komplett unter dem Tisch, obwohl sie für die kollektive Sicherheit essenziell sind. Erst im Zusammenhang mit dem neuen 5%-Ziel erlaubt die NATO es nun, bis zu 1,5% des BIP auch im Infrastruktur-Bereich anzurechnen.
Das Fazit bleibt dennoch auch heute klar: Die USA erscheinen in der NATO auch deshalb als übermässige Zahlerin, weil sie eine viel grosszügigere Berechnung ihrer NATO-Ausgaben vornehmen als die anderen Mitgliedsländer.
Mehr Ausgaben heisst nicht zwingend mehr Sicherheit
Ein fairer Massstab müsste die kreative Buchhaltung korrigieren und messen, welche tatsächlichen Beiträge an sinnvolle militärische Fähigkeiten geleistet werden. Wieviel Sicherheit wird pro Euro resp. Dollar geschaffen? Dazu braucht es drei Elemente:
- Output und Outcome messen – also berücksichtigen, was an Fähigkeiten und Einsatzbereitschaft tatsächlich geliefert wird, und inwieweit dies tatsächlich eine wirksame Antwort auf realistische Bedrohungsszenarien darstellt. Dazu gehören funktionierende Logistik, Mobilisierungsfähigkeit und Führungsstrukturen ebenso wie die Fähigkeit zur grenzüberschreitenden Kooperation im Ernstfall.
- Zivile Verteidigung einbeziehen – Bunker, Mobilmachungsinfrastruktur, Cyberschutz, Frühwarnsysteme und Bevölkerungsschutz sind essenzielle Beiträge. Gerade in Osteuropa, aber auch in der Schweiz, ist klar: Widerstandskraft entsteht nicht nur durch Panzer, sondern auch durch Vorbereitung auf hybride Bedrohungen, Kampf gegen Desinformation und resiliente staatliche und zivile Infrastrukturen.
- Scheinleistungen ausschliessen – keine Anrechnung der vom US-Kongress beschlossene Sonderausgaben in bestimmten Wahlkreisen oder von globaler Militärhilfe, die nicht unmittelbar NATO‑Fähigkeiten stärkt. Auch reine Prestigeprojekte oder inländische Subventionen für die Rüstungsindustrie dürfen nicht als Beitrag zur gemeinsamen Sicherheit gelten.
Eine solche Rechnung würde ehrliche und vergleichbare Daten liefern und den echten Beitrag jeder Partnerin sichtbar machen. Er würde nicht nur die militärische Stärke abbilden, sondern auch strategische Verlässlichkeit, Resilienz und Kooperationsbereitschaft erfassen. Langfristig könnte dies Vertrauen in der NATO stärken und helfen, Prioritäten dort zu setzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden – in der echten Fähigkeit zur gemeinsamen Verteidigung.
Und die Schweiz? Pro Kopf liegt sie vor Deutschland oder Kanada.
Obwohl die Schweiz gemessen an ihrem BIP gemäss den offiziellen Zahlen des Bundes mit 0,7 % weit unter dem bisherigen 2 %- und dem neu geforderten 3,5 %-Ziel liegt, steht sie weit besser da, als das die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Das hat mit Avenir Suisse eine unverdächtige Absenderin im Juni 2025 erneut konstatiert. Viele umfangreiche Kosten der Milizarme, etwa Ersatzleistungen für Dienstleistende, Lohnfortzahlungen via EO und Versicherungsleistungen, tauchen in den offiziellen Armeebudgets der Schweiz nicht auf. Rechnet man diese Posten hinzu, ergibt sich für 2024 ein effektiver Wert von rund 1 % des BIP (ca. 8,75 Mrd. CHF) – hier die Details. Pro Kopf liegt die Schweiz mit effektiven Ausgaben von 976 CHF vor Ländern wie Deutschland oder Frankreich und sogar vor Österreich oder Kanada.
Zudem interpretiert die Schweiz den Verteidigungsbegriff streng: Während andere Staaten Zinszahlungen, Soldatenrenten oder zivile Infrastruktur als Militärausgaben zählen, bleibt sie bei ihrer konservativen Bilanzierung. Da die NATO künftig mehr zivile Infrastruktur in den Verteidigungsbegriff aufnehmen wird, sollte auch die Schweiz ihre Auswertungen sinnvollerweise anpassen – etwa um Dual-Use-Spitäler oder leistungsfähige Verkehrsnetze.
Schliesslich braucht es aber in der Schweiz wie in den NATO-Staaten eine Analyse mit etwas weiterem Blick: Entscheidend ist nicht der BIP‑Anteil, sondern die Frage, inwiefern mehr Sicherheit in einem umfassenden und bedrohungsadäquaten Sinne geschaffen wird.
Quellen
Grundlage dieses Artikels:
- Iselin, B. (24. Jun 2025). The Great NATO Defence Spending Illusion (1/2). Medium. https://brianiselin67.medium.com/the-great-nato-defence-spending-illusion-9a9a2c1ae67b
- Iselin, B. (26. Jun 2025). The Great NATO Defence Spending Illusion (Part 2/2). Medium. https://brianiselin67.medium.com/the-great-nato-defence-spending-illusion-part-2-2-e85921adb100
Weitere Quellen:
- Army Recognition. (2024, 9 Aug). New tranche of US military aid for Ukraine … Link
- BBC. (2025, 18 Feb). How much do Nato members spend on defence? Link
- Congressional Budget Office. (2024). Defense Budget. Link
- Congressional Budget Office. (2024). Defense and National Security. Link
- Defense.gov. (2024, 17 Nov). FY 2024 Defense Budget. Link
- European Defence Agency. (2024, 4 Dec). EU defense spending projected to boom … Link
- Kayhan. (2025, 25 Jan). U.S. arms exports hit record in 2024. Link
- NATO. (2024, 12 Jun). Defence Expenditure of NATO Countries (2014–2024) [PDF]. Link
- NATO. (2025, 3 Apr). Defence expenditures and NATO’s 2 % guideline. Link
- NATO. (2024, 20 Dec). Transparency and accountability. Link
- SIPRI. (2025, Apr). Trends in world military expenditure, 2024 [Fact Sheet]. Link
- United States Foreign Military Financing. (2024, May). Wikipedia. Link
- US Army Recognition. (2024, 21 Apr). US approves $26.38 bn aid for Israel. Link
- Central European Journal of International and Security Studies. (2023). Transcending two percent … Link
- Avenir Suisse. (2025, 1 Jul). Verteidigungsausgaben: Die Schweiz steht besser da, als es scheint. Link